Insulinresistenz gehört zu diesen Begriffen, die mittlerweile überall auftauchen: in Gesundheitsportalen, Ernährungsratgebern und sozialen Medien.
Oft bleibt die Erklärung allerdings erstaunlich oberflächlich. Dann heißt es ungefähr:
Insulin öffnet die Zellen für Zucker. Bei einer Insulinresistenz funktioniert der Schlüssel nicht mehr richtig.
Ganz falsch ist dieses Bild nicht. Aber unser Stoffwechsel ist wesentlich interessanter.
Denn Insulin wirkt nicht an einer einzigen „Zelltür“. Muskelzellen, Leberzellen und Fettzellen reagieren unterschiedlich auf das Hormon. Sie speichern Energie auf verschiedene Weise, stellen sie unter unterschiedlichen Bedingungen wieder zur Verfügung und beeinflussen sich gegenseitig.
Um zu verstehen, was eine Insulinresistenz wirklich bedeutet, müssen wir deshalb ein wenig tiefer in die Biologie einsteigen.
Zuerst zur Bauchspeicheldrüse: Woher kommt Insulin überhaupt?
Die Bauchspeicheldrüse – medizinisch Pankreas genannt – hat sowohl eine Verdauungs- als auch eine Hormonfunktion.
Zwischen dem Drüsengewebe liegen kleine Zellgruppen, die Langerhans-Inseln.
Dort befinden sich verschiedene hormonbildende Zelltypen.
Insulin wird in den sogenannten Betazellen in den Langerhans-Inseln der Bauchspeicheldrüse gebildet.
Daneben befinden sich unter anderem die Alphazellen. Sie produzieren Glukagon, einen wichtigen Gegenspieler des Insulins.
Diese beiden Hormone tragen gemeinsam dazu bei, dass die Glukosekonzentration im Blut trotz Essen, Fasten, Schlafen und körperlicher Aktivität innerhalb relativ enger Grenzen gehalten werden kann. Insulin wird in den Betazellen, Glukagon überwiegend in den Alphazellen der pankreatischen Inseln gebildet.
Nach einer kohlenhydrathaltigen Mahlzeit werden Kohlenhydrate im Verdauungstrakt in kleinere Bestandteile zerlegt. Glukose gelangt über die Darmwand ins Blut. Der Blutzuckerspiegel steigt. Die Betazellen reagieren darauf mit einer verstärkten Ausschüttung von Insulin.
Nun beginnt die eigentliche Stoffwechselarbeit.
Insulin ist nicht einfach ein Schlüssel
Vielleicht kennst du das verbreitete Bild:
Insulin ist der Schlüssel und öffnet die Tür der Zelle für Glukose.
Als Bild ist das hilfreich, aber biologisch ist es doch etwas zu ungenau.
Insulin gelangt zwar über das Blut zur Zelle, muss aber nicht in die Zelle hinein, um dort irgendeine Tür aufzuschließen.
Es bindet außen an einen Insulinrezeptor in der Zellmembran. Der Rezeptor nimmt das Signal auf und leitet es über mehrere Schritte ins Zellinnere weiter.
Man kann sich das vereinfacht wie eine Reihe hintereinandergeschalteter Nachrichten vorstellen:
Insulin ist da – Energie ist verfügbar – die Zelle soll ihren Stoffwechsel entsprechend anpassen.
Welche Reaktion daraus entsteht, hängt unter anderem davon ab, um welches Gewebe es sich handelt.
Und genau hier wird Insulinresistenz interessant.
Was macht Insulin in der Muskelzelle?
Unsere Skelettmuskulatur ist eines der wichtigsten Gewebe für die Glukoseverwertung. Besonders nach einer Mahlzeit nimmt sie einen großen Teil der verfügbaren Glukose auf.
Glukose kann die Lipiddoppelschicht der Zellmembran jedoch nicht einfach frei durchqueren.
Dafür besitzt die Muskelzelle spezielle Transportproteine, die man sich ein wenig wie Schleusen vorstellen kann. Unter anderem ist das GLUT4-Protein ein solches Transportprotein. GLUT steht für Glucose Transporter.
Das Faszinierende daran: Viele GLUT4-Transporter befinden sich in einer ruhenden Muskelzelle zunächst gar nicht an der Zelloberfläche. Sie werden im Zellinneren in kleinen membranumhüllten Bläschen – sogenannten Vesikeln – bereitgehalten.
Jetzt kommt Insulin ins Spiel
Bindet Insulin außen an seinen Rezeptor, wird im Inneren der Muskelzelle eine Signalkette aktiviert. Vereinfacht läuft sie über mehrere Schritte, und am Ende dieses Signalweges geschieht etwas sehr Wichtiges:
GLUT4-haltige Vesikel wandern aus dem Zellinneren zur Zellmembran.
Dort verschmelzen sie mit der Membran. Dadurch werden zusätzliche GLUT4-Transporter in die Zelloberfläche eingebaut. Nun stehen gewissermaßen mehr „Glukoseschleusen“ zur Verfügung.
Glukose kann somit in die Muskelzelle gelangen.
Die Muskelzelle kann diese Glukose anschließend direkt zur Energiegewinnung verwenden. Oder sie speichert einen Teil davon.
Und dafür gibt es eine eigene Speicherform:
Glykogen.
Glykogen ist ein stark verzweigtes Molekül, das aus vielen miteinander verbundenen Glukoseeinheiten aufgebaut ist. Unsere Muskeln besitzen eigene Glykogenspeicher, auf die sie bei körperlicher Arbeit zurückgreifen können.
Insulin unterstützt in der Muskulatur daher sowohl die Glukoseaufnahme als auch die Speicherung von Glukose als Glykogen.
Was verändert sich bei einer Insulinresistenz?
Bei einer Insulinresistenz ist nicht unbedingt zu wenig Insulin vorhanden. Gerade am Anfang kann sogar mehr Insulin als üblich ausgeschüttet werden. Das Problem liegt zunächst vielmehr darin, dass Muskelzellen weniger empfindlich auf das Insulinsignal reagieren.
Die Weiterleitung des Signals vom Insulinrezeptor ins Innere der Zelle funktioniert weniger wirksam. Dadurch kann auch die insulinabhängige Bereitstellung von GLUT4 an der Zelloberfläche beeinträchtigt sein.
Das Entscheidende ist also: Glukose und zunächst meist auch ausreichend Insulin sind vorhanden – nur die Zelle reagiert nicht mehr so empfindlich auf das Insulinsignal wie zuvor.
Der Körper versucht, genau das zunächst auszugleichen. Und dabei spielt die Bauchspeicheldrüse wieder eine wichtige Rolle.
Die Leber funktioniert ganz anders als die Muskelzelle
Jetzt wird es besonders spannend. Denn die Leber ist nicht einfach ein weiteres Organ, das nach dem Essen Glukose aus dem Blut aufnimmt.
Sie ist eine zentrale Stoffwechsel- und Speicherzentrale unseres Körpers. Sie kann Glukose speichern, aber bei Bedarf auch wieder zur Aufrechterhaltung des Blutzuckers beitragen.
Und dabei kommt das Zusammenspiel von Insulin und Glukagon ins Spiel.
Nach dem Essen: Glukose wird gespeichert
Nach einer Mahlzeit steigt die Glukosekonzentration im Blut und die Bauchspeicheldrüse schüttet Insulin aus.
Glukose gelangt in Leberzellen vor allem über den Glukosetransporter GLUT2. Dieser Transporter funktioniert anders als GLUT4 in der Muskel- oder Fettzelle: Er muss nicht erst aufgrund eines Insulinsignals aus dem Zellinneren an die Oberfläche gebracht werden.
Insulin beeinflusst jedoch sehr wesentlich, was die Leber anschließend mit der vorhandenen Glukose macht. Ein Teil davon wird gespeichert.
Die Speicherform der Glukose heißt auch hier:
Glykogen.
Viele Glukoseeinheiten werden miteinander verknüpft und als Glykogen in der Leber gespeichert.
Der Aufbau von Glykogen wird Glykogenese genannt. Die Leber legt damit einen Glukosevorrat an, auf den der Körper später wieder zurückgreifen kann.
Zwischen den Mahlzeiten: Jetzt gewinnt Glukagon an Bedeutung
Einige Stunden nach einer Mahlzeit gelangt keine größere Menge Glukose mehr aus dem Darm ins Blut. Die Insulinausschüttung sinkt.
Gleichzeitig gewinnt Glukagon an Bedeutung. Glukagon wird in den Alphazellen der Langerhans-Inseln gebildet. Seine wichtigste bekannte Wirkung auf den Glukosestoffwechsel findet in der Leber statt.
Vereinfacht signalisiert Glukagon:
Es wird wieder Glukose im Blut benötigt.
Daraufhin kann die Leber einen Teil ihres gespeicherten Glykogens abbauen.
Dieser Vorgang heißt:
Glykogenolyse.
Das gespeicherte Glykogen wird schrittweise zerlegt und die Leber kann daraus Glukose für das Blut bereitstellen.
Dieser Mechanismus ist besonders wichtig, damit der Blutzucker auch zwischen Mahlzeiten oder während einer Nahrungspause nicht einfach kontinuierlich absinkt. Das österreichische Gesundheitsportal beschreibt ebenfalls Glukagon als blutzuckersteigerndes Hormon und den Glykogenspeicher der Leber als rasch mobilisierbare Glukosequelle.
Und wenn der Glykogenspeicher nicht ausreicht?
Die Leber besitzt noch eine weitere Möglichkeit. Sie kann neue Glukose herstellen.
Dieser Vorgang heißt:
Glukoneogenese.
Dabei wird die Glukose nicht aus vorhandenem Glykogen freigesetzt, sondern aus anderen Ausgangsstoffen neu aufgebaut. Dazu gehören beispielsweise Laktat, Glycerol und bestimmte Aminosäuren. Besonders bei längeren Nahrungspausen gewinnt dieser Stoffwechselweg zunehmend an Bedeutung.
Insulin und Glukagon beeinflussen auch diese Prozesse. Vereinfacht gesagt fördert Insulin eher Speicherung und dämpft die körpereigene Glukosebereitstellung, während Glukagon die Bereitstellung von Glukose durch die Leber fördert. Die tatsächliche Regulation ist allerdings komplexer und hängt zusätzlich vom Energiezustand, den verfügbaren Ausgangsstoffen und weiteren Hormonen ab.
So entsteht ein fein abgestimmtes Zusammenspiel:
Nach einer Mahlzeit kann Glukose gespeichert werden. Zwischen den Mahlzeiten kann Glykogen wieder abgebaut werden. Und bei längerem Bedarf kann die Leber zusätzlich neue Glukose bilden.
Was passiert bei einer Insulinresistenz der Leber?
Nach einer Mahlzeit signalisiert Insulin der Leber unter anderem, dass genügend Energie verfügbar ist und die eigene Glukoseproduktion reduziert werden kann.
Bei einer Insulinresistenz reagiert die Leber auf dieses Signal weniger empfindlich. Dadurch kann die körpereigene Glukoseproduktion weniger wirksam unterdrückt werden.
Das bedeutet nicht, dass die Leber völlig unkontrolliert Glukose produziert. Aber die Abstimmung zwischen Insulin, Glukagon, Glykogenabbau und Glukoneogenese verändert sich.
Eine erhöhte hepatische Glukoseproduktion trägt wesentlich zu erhöhten Blutzuckerwerten bei Typ-2-Diabetes bei.
Jetzt wird auch verständlich, warum das Bild vom „Schlüssel, der die Zelltür nicht mehr öffnet“ zu kurz greift:
In der Muskulatur kann die insulinabhängige Glukoseaufnahme vermindert sein. In der Leber kann gleichzeitig die normalerweise durch Insulin gebremste Glukosebereitstellung zu stark bleiben. Beides beeinflusst den Blutzucker – aber auf völlig unterschiedliche Weise.
Und das Fettgewebe? Viel mehr als ein Energiespeicher
Auch Fettgewebe wird häufig zu einfach dargestellt. Eine Fettzelle – der Adipozyt – ist keineswegs nur ein passiver Speicher für überschüssige Energie. Fettzellen sind stoffwechselaktive Zellen. Sie reagieren auf Hormone, nehmen Nährstoffe auf, speichern Energie, stellen diese wieder zur Verfügung und produzieren selbst verschiedene Signalstoffe.
Die wichtigste Speicherform des Fettes in unseren Fettzellen sind Triglyceride. Sie befinden sich in sogenannten Lipidtröpfchen innerhalb der Zellen.
Was macht Insulin nach einer Mahlzeit im Fettgewebe?
Nach dem Essen steht dem Körper Energie zur Verfügung. Insulin fördert nun eher die Speicherung als die Freisetzung von Energie.
Auch Fettzellen besitzen GLUT4. Insulin kann deshalb auch hier dafür sorgen, dass mehr GLUT4-Transporter in die Zellmembran eingebaut werden und Glukose aufgenommen werden kann.
Die aufgenommene Glukose hat im Fettgewebe mehrere Aufgaben. Unter anderem kann aus ihrem Stoffwechsel Glycerol-3-phosphat entstehen, das für den Aufbau und die Speicherung von Triglyceriden benötigt wird.
Gleichzeitig fördert Insulin die Speicherung von Fettsäuren. Mindestens ebenso wichtig ist aber eine weitere Wirkung des Insulins:
Insulin hemmt die Lipolyse.
Lipolyse bedeutet, dass gespeicherte Triglyceride abgebaut werden. Dabei entstehen vor allem freie Fettsäuren und Glycerol.
Nach einer Mahlzeit wäre es wenig sinnvoll, gleichzeitig große Mengen gespeicherter Energie aus dem Fettgewebe freizusetzen. Insulin bremst deshalb die Lipolyse sehr wirksam.
Was passiert während einer Nahrungspause oder bei höherem Energiebedarf?
Sinkt die Insulinkonzentration und wirken gleichzeitig mobilisierende Signale, verändert sich die Situation.
Zu diesen Signalen gehören beispielsweise Katecholamine – vor allem Adrenalin und Noradrenalin. Das sind körpereigene Hormone und Botenstoffe, die den Körper unter anderem auf Belastung und einen erhöhten Energiebedarf vorbereiten.
Sie fördern im Fettgewebe den Abbau gespeicherter Triglyceride. Dabei entstehen freie Fettsäuren und Glycerol. Die Fettsäuren gelangen über das Blut zu anderen Geweben und können dort zur Energiegewinnung genutzt werden. Das Glycerol kann zur Leber transportiert werden. Und dort begegnen wir einem Prozess wieder, den wir bereits kennen:
Glycerol kann als Ausgangsstoff für die Glukoneogenese dienen.
Zucker- und Fettstoffwechsel sind also keineswegs zwei getrennte Systeme. Sie greifen ständig ineinander.
Was verändert sich bei einer Insulinresistenz des Fettgewebes?
Wenn Fettzellen weniger empfindlich auf Insulin reagieren, funktioniert auch die bremsende Wirkung des Insulins auf die Lipolyse weniger gut. Dadurch können vermehrt freie Fettsäuren und Glycerol in den Blutkreislauf gelangen. Das wiederum beeinflusst andere Organe.
Werden Leber und Muskulatur über längere Zeit mit erhöhten Mengen freier Fettsäuren konfrontiert, können dort vermehrt Fett beziehungsweise bestimmte Fettzwischenprodukte eingelagert werden.
Man spricht dabei unter anderem von ektoper Fettablagerung – Fett wird also vermehrt in Geweben gespeichert, deren Hauptaufgabe nicht die langfristige Fettspeicherung ist.
Solche Veränderungen können wiederum die Insulinsignalwege in Leber und Muskulatur beeinträchtigen.
Damit wird deutlich:
Fettgewebe ist bei einer Insulinresistenz nicht einfach nur ein passiver Energiespeicher. Es ist aktiv in die Stoffwechselkommunikation mit Leber und Muskulatur eingebunden.
Jetzt ergibt das Gesamtbild Sinn
Schauen wir uns die drei Gewebe gemeinsam an.
In der Muskulatur reagieren die Zellen weniger empfindlich auf Insulin und die insulinabhängige Glukoseaufnahme kann vermindert sein.
In der Leber wird die eigene Glukoseproduktion durch Insulin möglicherweise nicht mehr ausreichend gebremst.
Im Fettgewebe kann Insulin die Freisetzung gespeicherter Fettsäuren weniger wirksam unterdrücken.
Diese Prozesse stehen nicht isoliert nebeneinander. Sie können sich gegenseitig beeinflussen und verstärken.
Insulinresistenz ist deshalb viel eher eine veränderte Stoffwechselkommunikation zwischen mehreren Geweben als eine einzelne defekte „Zuckertür“.
Warum kann der Blutzucker trotzdem lange unauffällig sein?
Nun kommen wir zu dem scheinbaren Widerspruch:
Wenn Gewebe weniger empfindlich auf Insulin reagieren – warum steigt dann nicht sofort deutlich der Blutzucker?
Weil unser Körper zunächst gegensteuern kann. Die Betazellen der Bauchspeicheldrüse erhöhen die Insulinausschüttung.
Der Organismus versucht also, die verminderte Wirkung des Insulins durch mehr Insulin auszugleichen.
Das bezeichnet man als:
kompensatorische Hyperinsulinämie.
Solange diese Kompensation funktioniert, können Blutzuckerwerte noch unauffällig oder nur wenig verändert sein.
Die Bauchspeicheldrüse muss dafür allerdings zunehmend mehr Insulin bereitstellen. Genau dieser Kompensationsmechanismus wird auch vom Deutschen Diabetes-Zentrum beschrieben.
Deshalb sind zwei Dinge nicht automatisch dasselbe:
Ein unauffälliger Blutzuckerwert
und
eine hohe Insulinempfindlichkeit der Gewebe.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass hinter einem normalen Blutzucker grundsätzlich eine versteckte Insulinresistenz steckt. Es erklärt lediglich, warum eine verminderte Insulinempfindlichkeit bereits bestehen kann, bevor sich daraus eindeutig erhöhte Glukosewerte entwickeln.
Warum Bewegung biologisch so interessant ist
Und jetzt kommt einer der faszinierendsten Mechanismen dieses ganzen Systems.
Wir haben gesehen:
Insulin kann in Muskelzellen bewirken, dass GLUT4-Transporter aus intrazellulären Speichern zur Zellmembran wandern. Aber Insulin ist nicht der einzige Reiz, der das kann.
Auch Muskelkontraktion fördert die Translokation von GLUT4.
Wenn ein Muskel arbeitet, entstehen in der Muskelzelle Signale, die sich zumindest teilweise von den klassischen Insulinsignalwegen unterscheiden. Auch dadurch werden GLUT4-Transporter an die Zelloberfläche gebracht und die Glukoseaufnahme der arbeitenden Muskulatur steigt.
Das ist biologisch enorm interessant. Denn die arbeitende Muskulatur verfügt damit über einen zusätzlichen Weg, ihre Glukoseaufnahme zu steigern – auch wenn die Insulinwirkung eingeschränkt ist.
Nach körperlicher Aktivität kann außerdem die Empfindlichkeit der Muskulatur gegenüber Insulin für einige Zeit erhöht sein. Regelmäßiges Training führt darüber hinaus zu Anpassungen des Muskelstoffwechsels, die die Glukoseverwertung verbessern können.
Bewegung „verbrennt“ deshalb nicht einfach nur Kalorien. Sie verändert unmittelbar den Stoffwechsel der Muskelzelle.
Ist Insulinresistenz dasselbe wie Diabetes?
Nein. Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes hängen eng miteinander zusammen, sind aber nicht dasselbe.
Bei einer Insulinresistenz reagieren Gewebe weniger empfindlich auf Insulin. Die Bauchspeicheldrüse kann diese verminderte Empfindlichkeit zunächst teilweise ausgleichen, indem sie mehr Insulin ausschüttet.
Erst wenn diese Kompensation nicht mehr ausreichend gelingt und der Blutzucker zunehmend ansteigt, können sich Prädiabetes und schließlich ein Typ-2-Diabetes entwickeln.
Dabei spielt neben der Insulinresistenz auch die Funktion der Betazellen eine entscheidende Rolle.
Kann man eine Insulinresistenz an Symptomen erkennen?
Das ist schwierig. Eine Insulinresistenz verursacht häufig zunächst keine typischen Beschwerden und kann deshalb lange unbemerkt bleiben.
Im Internet werden dagegen häufig Müdigkeit, Heißhunger, Konzentrationsprobleme, Gewichtszunahme oder Müdigkeit nach dem Essen als vermeintlich eindeutige Hinweise genannt.
Das Problem:
Diese Beschwerden sind unspezifisch. Sie können viele verschiedene Ursachen haben. Aus Müdigkeit oder Heißhunger allein lässt sich deshalb keine Insulinresistenz ableiten.
Wie kann eine Insulinresistenz untersucht werden?
Zur Beurteilung des Glukosestoffwechsels werden unter anderem Nüchternblutzucker, HbA1c und – je nach Fragestellung – ein oraler Glukosetoleranztest eingesetzt.
Zusätzlich können Nüchterninsulin und daraus berechnete Größen wie der HOMA-IR Hinweise auf die Insulinempfindlichkeit beziehungsweise Insulinresistenz geben. Der HOMA-IR ist allerdings kein universeller Test mit einem einzigen Grenzwert, der für jeden Menschen gleichermaßen gilt.
Die verwendeten Grenzwerte unterscheiden sich unter anderem je nach untersuchter Population, Alter und weiteren Faktoren. Auch aktuelle Untersuchungen weisen darauf hin, dass es keinen allgemein akzeptierten optimalen Cut-off gibt.
Für eine sehr genaue Messung der Insulinwirkung existieren aufwendigere Verfahren wie die sogenannte Clamp-Technik, die vor allem in spezialisierten Zentren und in der Forschung eingesetzt wird.
Laborwerte sollten deshalb immer im medizinischen Gesamtzusammenhang beurteilt werden.
Was ich dir aus biologischer Sicht mitgeben möchte
Wenn wir Insulinresistenz nur mit dem Satz erklären:
„Zucker kommt nicht mehr richtig in die Zelle“,
verpassen wir eigentlich den spannendsten Teil. Unser Stoffwechsel funktioniert als Netzwerk. Die Bauchspeicheldrüse misst Veränderungen und reagiert darauf. Betazellen produzieren Insulin. Alphazellen produzieren Glukagon. Muskelzellen regulieren ihre GLUT4-Transporter und können Glukose als Glykogen speichern. Die Leber kann Glukose als Glykogen speichern, diesen Speicher wieder mobilisieren und bei Bedarf neue Glukose bilden. Fettzellen speichern Energie als Triglyceride und können freie Fettsäuren und Glycerol wieder zur Verfügung stellen.
Und all diese Gewebe reagieren auf Hormone und Stoffwechselsignale. Insulinresistenz bedeutet deshalb nicht einfach, dass eine einzelne Zelltür klemmt.
Vielmehr reagieren mehrere Teile dieses fein abgestimmten Stoffwechselsystems weniger empfindlich auf das Insulinsignal.
Und genau das macht das Thema biologisch so viel interessanter als die Vorstellung von einem kaputten Schlüssel und einer verschlossenen Zelltür.
Hinweis
Dieser Beitrag dient der biologischen und wissenschaftlichen Einordnung. Er ersetzt keine medizinische Diagnose oder individuelle Behandlung. Bei auffälligen Blutzuckerwerten, bekannten Risikofaktoren oder gesundheitlichen Beschwerden ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll.
Quellen
Richter EA, Bilan PJ, Klip A. A comprehensive view of muscle glucose uptake: regulation by insulin, contractile activity, and exercise. Physiological Reviews. 2025;105(3):1867–1945. DOI: 10.1152/physrev.00033.2024.
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Rix I, Nexøe-Larsen C, Bergmann NC et al. Glucagon Physiology. Endotext, NCBI Bookshelf.
Richard AJ, White U, Elks CM, Stephens JM. Adipose Tissue: Physiology to Metabolic Dysfunction. Endotext, NCBI Bookshelf.
Carpentier AC. 100th anniversary of the discovery of insulin perspective: insulin and adipose tissue fatty acid metabolism. American Journal of Physiology – Endocrinology and Metabolism. 2021. DOI: 10.1152/ajpendo.00620.2020.
Deutsches Diabetes-Zentrum – diabinfo.de: „Was ist eine Insulinresistenz?“ Wissenschaftliche Unterstützung: Dr. Theresia Sarabhai.
Österreichisches Gesundheitsportal: „Insulin (INS)“ sowie „Glucose – Blutzuckerwerte“.
AOK Gesundheitsmagazin: „Insulinresistenz und Insulinsensitivität: Ursachen, Symptome und Gegenmaßnahmen“, fachlich geprüft, veröffentlicht am 4. August 2026.
Decaro-Fragoso MF et al. Determining Insulin Resistance Cutoffs in Mexican Adults: Percentile Distribution vs. Receiver Operating Characteristic Curve Analysis. Cureus. 2025;17(2):e79775.

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